Ich sitze in einem Meeting bei einem Kunden. Ein Projekt ist drei Wochen hinten dran. Alle wollen eine Lösung.
Dann fällt ein Satz. Ruhig, sachlich. „Wir müssen unsere Low Performer konsequent managen.“
Der Satz ist keine Lösung. Er ist eine Ordnungsschiene. Er legt fest, was jetzt als wahr gilt. Und was gar nicht mehr gefragt wird. Kein Wort über Schnittstellen, Prioritäten oder Entscheidungsrechte. Nur Etikett.
Und ich sehe und beobachte, wie Kultur passiert. Nicht Menschen „haben andere Meinungen“. Sondern das, was eine Kultur überhaupt als denkbar und wahr akzeptiert, verschiebt sich. Das ist der eigentliche Mechanismus. Der Denkraum entscheidet, was als naheliegend gilt.
Die Diskursanalyse greift gerne auf Michel Foucault und sein Werk die Ordnung der Dinge zurück, weil er mit seinen Gedanken aufzeigt in welchen Ordnungen Menschen sich bewegen, was sie für real halten und was für sie überhaupt als passend gilt.
In diesem Artikel mache ich aus diesem Satz „Wir müssen unsere Low Performer konsequent managen“ eine Analyse und zeige auf, warum aus einer Projektverzögerung schneller als man denkt ein Low Performance Management gemacht werden kann.
Die fundamentalen Codes einer Kultur, die ihrer Sprache, ihre Wahrnehmungsschemata, ihren Austausch, ihre Techniken, ihre Werte, die Hierarchie ihrer Praktiken beherrschen, fixieren gleich zu Anfang für jeden Menschen die empirischen Ordnungen, mit denen er zu tun haben und in denen er sich wiederfinden wird. (Foucault, Michel ([1966] 1974): Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Frankfurt: Suhrkamp. S. 22.)
Menschen glauben, sie entscheiden selbstbestimmt. Viele überschätzen, wie gut sie ihre Kultur kennen. Gerade unter Druck.
Ich übersetze das für Organisationen so. Diese Codes von Faoucault wirken wie Entscheidungsschienen. Hier die sechs Felder, in denen sich Entscheidungen unbewusst vorstrukturieren. Analysiert mit der simplen Bemerkung in einer Sitzung wegen Projektverzögerung: Wir müssen unsere Low Performer konsequent managen.
„Leistungsträger“ macht Leistung zur Eigenschaft. „Low Performer“ macht sie zur Abweichung. Ab da suchen wir nicht Ursachen, wir suchen Schuldige. Ja, es gibt echte Low Performance. Die Frage ist, ob wir sie sauber diagnostizieren oder reflexhaft etikettieren.
Welche Rahmenbedingung hat diese Verzögerung wahrscheinlicher gemacht. Schnittstellen, Prioritäten, Rollen, Ressourcen, Entscheidungsrechte?
Gleiche Verzögerung. Kultur deutet Unzuverlässigkeit oder eine kaputte Schnittstelle. Moral oder Muster. Das entscheidet über Druck oder Handlungsfähigkeit. Normen ja. Schuldreflex nein.
Was müsste sich am Rahmen ändern, damit das Team wieder handlungsfähig wird, ohne mehr Druck zu erzeugen?
Wofür gibt es Ressourcen und Rückendeckung. Für Loyalität. Oder für frühes Sichtbarmachen von Risiken.
Welche Risiken kennen wir bereits, die heute nicht auf den Tisch kommen, weil der Preis dafür zu hoch wäre?
KPIs, Dashboards, Ratings sind Kulturmaschinen. Wenn Aktivität zählt, wird Aktivität zur Wahrheit. Qualität und Lernen werden zur Störung.
Welche Kennzahl würde Qualität und Lernen sichtbar machen, selbst wenn sie kurzfristig die Aktivität senkt?
Werte sind, wofür du bezahlst. In Form von Geld, Bonus, Beförderung, Sichtbarkeit, Schutz, Zeit, Einfluss, Entscheidungen. Du bekommst die Werte, die du belohnst.
Was belohnen wir real gerade. Und was bestrafen wir real, obwohl wir es offiziell wollen?
Wenn ein Projekt verspätet ist, wenn es brennt, wie reagiert die Kultur. Mehr Kontrolle und Reporting. Oder Stopp-Kriterien, Fokus, Entlastung, klare Entscheidungskompetenz. Beides heisst Verantwortung. Nur eines bringt Energie zurück in Wirkung.
Was stoppen wir ab heute, damit Verantwortung wieder an Ressourcen gekoppelt ist und Wirkung wieder möglich wird?
Wenn Aussagen auf Traktandenlisten, in Diskursen, Sitzungen nicht hinterfragt werden, können diese zu falschen impliziten Entscheidungen führen. So kann es schneller gehen, als man denkt und aus einer Projektverzögerung wird ein Low Performance-Management gemacht.
Meine Arbeit in dieser Sitzung hat exakt an dieser Stelle Wirkung gezeigt. Ich habe meine Beobachtung zum Thema mitgeteilt und die Sitzung gestoppt.
Gemeinsam sind wir einem blinden Fleck auf den Grund gegangen. Im Raum wurde spürbar, dass die Aussage „Wir müssen unsere Low Performer konsequent managen“ bereits eine implizite Entscheidung war. Eine kulturelle Deutung, die Konsequenzen auslöst, ohne dass sie als Entscheidung erkannt wird.
Es entstand eine neue Demut über Verantwortung und Fairness. Nicht als Stimmung. Sondern als Schiene einhergehend mit dem Respekt davor, wie schnell wir uns doch alle ablenken lassen, im glauben, dass wir selbstbestimmt das Steuer in der Hand haben.
Viel Freude beim Lernen. Ausprobieren. Verfeinern. Anpassen.
Manuela Broz
Kulturboosterin
In der Raketenwissenschaft ist ein Booster ein Hilfstriebwerk, das der Startrakete den nötigen Schub verleiht - ein Kulturbooster ist ein Verstärker der das Potential von Unternehmen und Individuen zum Abheben bringt.
Über die Autorin:
Manuela Broz, baut in Unternehmen eine Kultur, die Verschwendung auflöst, um positive Energieflüsse zu generieren. Ihre Kunden bekommen exklusiv eine konsequente Übersetzung von Kultur in Steuerung. Kultur wird bei ihr als Entscheidungslogik, Priorität und Rituale mit Ergebnisverantwortung wirksam. Ihr 90-Tage-Programm liefert Kontextualisierung mit Operationalisierung. KMU erhalten spürbar mehr Fokus, Konzentration, Identifikation und eine Kultur, die Lust auf Leistung schafft.
Mehr Informationen zum 90 Tage-Programm:
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Quellennachweis
Foucault, Michel ([1966] 1974). Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Frankfurt am Main. Suhrkamp. S. 22.