Dann kollektive Schnappatmung.
Was war passiert?
Ich hatte über "brauchbare Illegalität" gesprochen. Ein Konzept geprägt durch Stefan Kühl und Niklas Luhmann.
Die Organisationssoziologie bezeichnet Situationen, indenen Mitarbeiter formale Regeln verletzen, um Arbeitsläufe zu beschleunigen, als „brauchbare Illegalität“.
Ein Beispiel: Kollegin ist krank. Dringendes Kundenproblem. Kunde wartet auf Antwort. IT-Abteilung bräuchte 2 Tage, um Zugriff zu regeln. Die Stellvertreterin gibt ihr Passwort weiter.
Illegal? Ja. Verstösst gegen IT-Sicherheit und Datenschutz.
Brauchbar? Auch ja.
Warum brauchbar? IT-Abteilung würde 2 Tage brauchen. Kunde wartet auf Rückmeldung. Stellvertreterin ist vertrauenswürdig. Dem System nützt es: Kundenproblem wird gelöst.
Das Konzept verdeutlicht den Widerspruch, dass Organisationen einerseits starre Regeln für Stabilität benötigen, andererseits jedoch flexible Normabweichungen für das Tagesgeschäft unerlässlich sind.
Heisse Diskussion. Auch Empörung.
Dann ein Beispiel aus der Praxis:
Wir haben einen Beschaffungsprozess: Drei Offerten einholen, Vergleich erstellen, günstigsten Anbieter wählen. Ein Projekt droht zu scheitern, weil ein spezielles Tool fehlt. Der Lieferant, der es anbietet, ist nicht der günstigste – aber der einzige, der in 48 Stunden liefern kann.
Was macht der Projektleiter? Er bestellt sofort. Ohne drei Offerten.
Illegal? Ja. Verstösst gegen Beschaffungsrichtlinie.
Brauchbar? Auch ja. Projekt wird gerettet. Kunde bleibt zufrieden. Mehrkosten minimal. Er dokumentiert es: 'Habe gegen Prozess verstossen, weil Projektdeadline sonst nicht haltbar.'"
Stille im Saal. Dann: Schmunzeln. Weil alle wissen: Genau das passiert.
Das Dilemma: Vertrauen vs. Strafe.
Und genau hier spielt Kultur nach den Spielregeln, die in Unternehmen gelten.
Wenn Compliance jeden Regelbruch sanktioniert, verschweigen Menschen ihre Probleme. Wenn Compliance Vertrauen schafft, melden Menschen ihre Probleme transparent.
Brauchbare Illegalität ist nicht die Einladung, Regeln zu ignorieren. Das ist die Einladung, Regeln intelligent einzusetzen und durchdacht zu fragen: Für welches Problem ist eine Massnahme, eine Regel die Lösung? Und: Welches neue Problem schafft die vorgesehene Lösung?
Aus systemtheoretischer Sicht lohnt es sich, die Frage nach der Erwartbarkeit zu stellen. Denn Menschen lernen sofort, ob Transparenz bestraft oder gewürdigt wird. Sie passen ihr Verhalten an entsprechend an.
Kultur ist emergent. Sie entsteht nicht durch Absicht, sondern durch Erwartbarkeit. Deshalb muss Compliance unterscheiden können zwischen destruktivem Regelbruch vs. konstruktive Praxislösung.
Wer jede Abweichung sanktioniert, tötet die Problemlösungsfähigkeit von Unternehmen.
Warum das wichtig ist? Weil viele Unternehmen glauben: Compliance bedeutet mehr Regeln.
Aber Studien zeigen: Zu viele Regeln führen zu "moralischer Mittelzone“ und übermässige Kontrolle erzeugt Reaktanz. Menschen suchen Schlupflöcher.
Der Ausweg aus dem Teufelskreis?
Er liegt nicht in besseren Regeln. Er liegt in besseren Kontexten.
Compliance, die wirkt, stellt nicht die Frage: Wie verhindern wir Regelbrüche? Sondern: Wie schaffen wir Bedingungen, in denen das Richtige das Einfache ist – und das Falsche das Schwierige?
Das verändert alles. Die Rolle von Compliance. Die Art, wie wir führen. Und die Frage, die wir uns jeden Tag stellen sollten:
Niemand schaut zu – was machst du?
In einem System mit Klarheit, Rhythmus und Vertrauen braucht es diese Frage nicht. Weil die Antwort selbstverständlich ist.
Das ist keine Utopie. Das ist Architektur.
Viel Freude beim Lernen. Ausprobieren. Verfeinern. Anpassen.
Manuela Broz
Kulturboosterin
In der Raketenwissenschaft ist ein Booster ein Hilfstriebwerk, das der Startrakete den nötigen Schub verleiht - ein Kulturbooster ist ein Verstärker der das Potential von Unternehmen und Individuen zum Abheben bringt.
Über die Autorin:
Manuela Broz, baut in Unternehmen eine Kultur, die Verschwendung auflöst, um positive Energieflüsse zu generieren. Ihre Kunden bekommen exklusiv eine konsequente Übersetzung von Kultur in Steuerung. Kultur wird bei ihr als Entscheidungslogik, Priorität und Rituale mit Ergebnisverantwortung wirksam. Ihr 90-Tage-Programm liefert Kontextualisierung mit Operationalisierung. KMU erhalten spürbar mehr Fokus, Konzentration, Identifikation und eine Kultur, die Lust auf Leistung schafft.
Mehr Informationen zum 90 Tage-Programm:
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