Wer darf stoppen? Die Kulturfrage hinter dem USZ-Skandal

Wer darf stoppen? Die Kulturfrage hinter dem USZ-Skandal

Warum eine Pflegefachperson und ein Team eine Operation anhalten können müssen

Im Herbst 2019 meldet André Plass, leitender Arzt der Herzchirurgie des Universitätsspitals

Zürich, intern Unregelmässigkeiten. Patienten sterben in einer Häufigkeit, die strukturell schwer

zu erklären ist. Geräte werden eingesetzt, an deren Entwicklung der Klinikleiter mitverdient.

Studien verfolgen Forschungsinteressen mit Wirkung auf Patientenwohl.

Das Universitätsspital reagiert. Es entlässt den Hinweisgeber.

Plass wird per sofort freigestellt, die Anhörung wird verweigert, er muss alles abgeben. Das

Verwaltungsgericht bestätigt 2021 die Entlassung. Das Bundesgericht zieht 2022 nach.

Transparency International Schweiz hält fest: Wer auf begründeten Verdacht einen Missstand

meldet, muss geschützt sein, unabhängig von Motiv und Kontext. Im USZ blieb Plass

ungeschützt.

Sechs Jahre später kommt der Untersuchungsbericht. 216 Seiten. 70 vermeidbare Tote

zwischen 2016 und 2020. 24 Fälle gehen an die Staatsanwaltschaft. Drei Spitalratsmitglieder

treten zurück, um einen «personellen Neustart» zu ermöglichen. Maisano arbeitet längst

wieder in Mailand.

Die Reihenfolge ist die Diagnose. Über Jahre sterben Menschen. Als ein leitender Arzt intern

meldet, entlässt das System den Hinweisgeber. Heute, im Jahr der Berichtsveröffentlichung,

treten die Funktionsträger zurück, um die Last der Vergangenheit abzulegen.

Wenn der Begriff «Neustart» wahrgenommen wird, ohne dass jemand die Lasten der

vergangenen Jahre auf den Tisch legt, ist das kein Neustart. Das ist Flucht. Das ist Abhauen.

Das ist Davonrennen vor der Verantwortung.


1. Warum Menschen schweigen

Schweigen ist eine systemische Antwort, kein Charakterzug. Hierarchie, Anreize und

Bystander-Dynamik wirken in jeder Organisation. In Spitälern wirken sie besonders stark, weil

die Asymmetrie zwischen operierender Position und überwachender Funktion gross ist. Wer in

dieser Architektur den Mund aufmacht, riskiert Karriere, Anstellung, Reputation.

In zu vielen Organisationen ist Reden teurer als Schweigen. Menschen schweigen nicht aus

Mangel an Mut. Sie schweigen, weil die Architektur sie dazu führt.


2. Das Reputationssystem als Schutzschild

Wer den USZ-Fall individuell liest, sieht einen Klinikleiter. Wer ihn strukturell liest, sieht ein

Reputationssystem, das ihn trug. Forschungsoutput. Drittmittel. Geräteentwicklung. Internationale Sichtbarkeit. Diese vier

Faktoren bauen ein internes Gewicht auf, das in vielen Universitätsspitälern systematisch über

Patientensicherheit liegt. Wer publiziert, wer einwirbt, wer entwickelt, wer auftritt, wird in der

Bewertung wichtiger als wer fragt. Solange dieses Gewicht ungeklärt liegt, schützt es. Reputation wird zum Schutzschild gegen

Kritik. Drittmittel werden zur Versicherung gegen Stopp. Forschungsoutput wird zum Argument

gegen Differenzierung. In dieser Architektur ist Schweigen funktional. Auch dort, wo Menschen es lieber brechen

würden.


3. Die zentrale Verschiebung: Wer darf stoppen, und wofür

Stopp-Recht und Hinweisgeberschutz sind zwei Mechanismen mit unterschiedlicher Logik.

Eine Pflegefachperson, die im OP stoppt, unterbricht eine konkrete Handlung, prospektiv. Ein

leitender Arzt, der ein Muster meldet, weist retrospektiv auf eine Reihe von Vorfällen. Beides

braucht das System. Beides verlangt eigene Verfahren, eigene Schutzregeln, eigene

Folgenarchitektur.

Die entscheidende kulturelle Verschiebung ist diese: Eine Pflegefachperson muss eine

Operation stoppen dürfen. Ein Team muss eine Praxis anhalten können.

Nicht melden. Nicht vorbringen. Stoppen.

Individuell wirkt das Stopp-Recht. Kollektiv hält es besser. Eine einzelne Pflegefachperson

kann übergangen werden, wenn die Hierarchie über ihr keine Konsequenz für sich selbst sieht.

Ein OP-Team, das einstimmig pausiert, ist in vielen Fällen schwerer zu übergehen, ohne dass

die Übergehung sichtbar wird. Beide Ebenen brauchen einander. Beide müssen in Routinen

und Rollen hinterlegt sein.

Stefan Hunziker Professor für Risk Management und Leiter des Kompetenzzentrums Risk & Compliance

Management an der Hochschule Luzern bringt es auf den Punkt: Risikomanagement ist in vielen Unternehmen

professioneller geworden, aber nicht zwingend wirksamer. Es wird daran gemessen, ob es

wichtige Entscheidungen verbessert (Hunziker, 2026). Übersetzt für die Klinik: Stopp-Recht

ohne Stopp-Kriterien verbessert keine Entscheidung. Es bleibt Geste. Wirksamkeit entsteht

erst, wenn klar ist, was zum Stoppen verpflichtet.

Stopp-Kriterien definieren das auf pflegerischer Ebene. Wenn die Patientenidentifikation unklar

ist oder die Wrong-Site-Markierung fehlt. Wenn das Time-out übergangen wird oder die

Checkliste unvollständig bleibt. Wenn Vitalzeichen vor OP-Beginn ausserhalb der definierten

Bandbreite liegen, ohne dokumentierte Klärung. Wenn die sterile Zone verletzt wird oder

Equipment unzuverlässig arbeitet. Wenn die Medikamentenkontrolle versagt. Wenn

Personalstärke oder Ermüdung kritische Schwellen erreichen.

Diese Kriterien sind pflegerisch beobachtbar. Sie verlangen weder Forschungswissen noch

Studienexpertise. Sie verlangen Routine, Klarheit und das Recht, sie auszulösen.

In der zivilen Luftfahrt heisst dieses Prinzip Crew Resource Management. Seit den achtziger

Jahren wird systematisch geübt, dass die jüngste Co-Pilotin den Kapitän korrigieren darf, auch

öffentlich, auch im Cockpit unter Stress (Helmreich, 1997). Bis CRM operativ trug, brauchte es

zwanzig Jahre. Pilotenverbände, Aufsichtsbehörden, verpflichtende Trainings, wiederkehrende

Drills. Die Adoption des Prinzips ist die Hälfte der Arbeit. Die Implementierung mit Aufsicht ist

die andere Hälfte.

Bei Toyota heisst es Andon-Cord. Jede Arbeiterin am Band kann ziehen, wenn sie einen Fehler

sieht. Der Pull stoppt das Band nicht immer sofort. Er löst eine sofortige Eskalation aus, an

Schichtleitung und Qualitätssicherung. Stopps werden als Lernsignal behandelt, mit

Anerkennung statt Sanktion (Liker, 2004).

Karl Weick beschreibt das Prinzip bei High Reliability Organizations als Aufmerksamkeit für

schwache Signale, hierarchieübergreifende Intervention und strukturelles Lernen statt

Vertuschen (Weick & Sutcliffe, 2007). HRO ist Programm, kein Zustand. NASA Challenger und

Columbia haben gezeigt, dass auch Organisationen mit hohem Selbstanspruch kippen, wenn

die Praxis dem Prinzip nicht folgt. Hochsicherheitskultur muss täglich produziert werden.

In Spitälern existieren solche Praxen längst, formal. Time-out vor der Operation.

Speak-up-Schulung. Critical Incident Reporting. Auf dem Papier ist alles da.

Operativ trägt es, wenn drei Bedingungen erfüllt sind. Das Stopp-Recht ist real,

hierarchieunabhängig und dokumentiert, individuell für die einzelne Rolle, kollektiv für das

Team. Wer stoppt, behält Karriere und Schutz. Wer den Stopp übergeht, dokumentiert die

Übergehung gegenüber einer externen Schiedsstelle. Übergehen ohne Dokumentation gilt als

Verstoss. Damit verschiebt sich die Beweislast strukturell.

Im USZ fehlten alle drei. Plass meldete als leitender Arzt der Klinik und nutzte die internen

Kanäle, die ihm zur Verfügung standen. Das System entliess den Hinweisgeber. Damit ist die

Botschaft an jede Pflegefachperson und jedes Team in jeder Schweizer Klinik gesendet: Wer

stoppt, riskiert mehr als die, die zusehen.


4. Vier Hebel für Kulturveränderung

Kulturveränderung beginnt mit Strukturen, unter denen Reden vorteilhafter, erwartbarer und

ernsthafter wird als Schweigen.


4.1 Stopp-Recht auf jeder Rolle und Teamebene

Jede Mitarbeiterin und jedes Team muss eine Praxis anhalten können, wenn ein definiertes

Kriterium erfüllt ist. Mit dokumentiertem Verfahren, definierter Eskalation, Schutz vor

Karrierefolge. Stopps werden als Lernsignal behandelt, mit Auswertung statt Sanktion. Wer

einen Stopp übergeht, dokumentiert die Übergehung. Eine externe Schiedsstelle prüft strittige

Fälle. So wird Beweislast operationalisiert.


4.2 Hinweisgeberschutz, der trägt

Eine Meldung muss eine Spur hinterlassen, die geschützt bleibt. Wer meldet, behält Zugang zu

Information, Sitzungen, Mandaten. Sanktionen gegen Hinweisgeber unterliegen externer

Aufsicht mit umgekehrter Beweislast. Solange das fehlt, bleibt jede Speak-up-Kultur dekorativ.

Der Fall Plass zeigt, was passiert, wenn sie dekorativ bleibt.

4.3 Aufsicht mit Folge, gestützt auf Datenarchitektur

Aufsicht beginnt mit der Frage, wer welche Daten in welchem Rhythmus sieht.

Übersterblichkeit, Komplikationsrate, Anzahl gemeldeter Stopps, Vergleichswerte mit

Peer-Spitälern. Ohne benchmarktaugliche Daten ist Aufsicht blind. Mit Daten und ohne Folge

ist Aufsicht Schauseite. Verwaltungsrat und Spitalleitung tragen die Pflicht, Daten und Folge

zusammenzuführen, vor dem Entscheid, nicht nach dem Bericht.


4.4 Patienten- und Angehörigenstimme im Sicherheitssystem

In modernen Sicherheitsarchitekturen sind die direkten Betroffenen Teil der Beobachtung. Im

Spital fehlt diese Schicht häufig ganz. Patienten und Angehörige spüren Auffälligkeiten, oft

früher als das System sie meldet. Diese Stimme zu integrieren heisst, Feedbackschleifen mit

Pflicht zur Auswertung anzulegen, nicht als Werbeumfrage, sondern als strukturelle Quelle für

Schwachsignale.


5. Im 90-Tage-Programm von Kulturbooster bauen wir genau diese Architektur

Wir beginnen mit Stopp-Kriterien, die mit einer Vereinbarung von Geschäftsleitung und

Verwaltungsrat einhergehen. Das ist der Eintrittspreis. Ohne diese Vereinbarung bleibt jede

Arbeit am Stopp-Recht Theorie.

Auf dieser Basis entwickeln wir Eskalationswege, Hinweisgeberschutz, Datenarchitektur und

Rückkoppelungsformate, in denen schwache Signale ankommen, bevor sie zu starken Bildern

werden. Aus der Vereinbarung wird Praxis. Aus der Praxis wird Kultur.

Wer in Ihrer Organisation könnte morgen einen Stopp auslösen, ohne dass die Karriere endet?


6. Fazit

70 Tote sind das Funktionieren eines Systems, das Stopps unterdrückte, den Hinweisgeber

feuerte und am Ende einen «personellen Neustart» als Lösung anbot.

Die wichtigste Kulturfrage einer Organisation steht im Stopp-Recht. Solange offen bleibt, wer

stoppen darf und wofür, bleibt das System schutzlos. Werte werden Kultur, wenn Stopp-Recht,

Stopp-Kriterien, Hinweisgeberschutz, Datenarchitektur und Aufsicht mit Folge zusammen

greifen. Einzeln reichen sie nicht. Zusammen tragen sie.


Viel Freude beim Lernen. Ausprobieren. Verfeinern. Anpassen.

Manuela Broz, Kulturboosterin

In der Raketenwissenschaft ist ein Booster ein Hilfstriebwerk, das der Startrakete den nötigen Schub

verleiht. Ein Kulturbooster ist ein Verstärker, der das Potential von Unternehmen und Individuen zum

Abheben bringt.


Über die Autorin

Manuela Broz baut in Unternehmen eine Kultur, die Verschwendung auflöst, um positive Energieflüsse

zu generieren. Ihre Kunden bekommen exklusiv eine konsequente Übersetzung von Kultur in Steuerung.

Kultur wird bei ihr als Entscheidungslogik, Priorität und Rituale mit Ergebnisverantwortung wirksam. Ihr

90-Tage-Programm liefert Kontextualisierung mit Operationalisierung. KMU erhalten spürbar mehr

Fokus, Konzentration, Identifikation und eine Kultur, die Lust auf Leistung schafft.



Quellen

Helmreich, Robert L. (1997): Managing human error in aviation. Scientific American.

Hunziker, Stefan (2026): Warum das Risikomanagement der Zukunft entscheidungsrelevant werden

muss. The Reporting Times, No. 68/2026.

Liker, Jeffrey K. (2004): The Toyota Way. McGraw-Hill.

Untersuchungsbericht USZ (Mai 2026), 216 Seiten.

Weick, Karl E. / Sutcliffe, Kathleen M. (2007): Managing the Unexpected. San Francisco: Jossey-Bass.

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