
Wer auf gute Bedingungen wartet, wartet auf nichts
Auf meiner Terrasse steht ein Ahorn in einem zu kleinen Topf. Er braucht mehr Wurzelraum, damit er im Herbst leisten kann, wozu er fähig ist. Das weiss ich seit Wochen.
Sobald ich Zeit habe, kaufe ich einen grösseren und topfe ihn um. Die Zeit kommt nicht. Also steht er da, eingeklemmt in zu wenig Erde, und kämpft sich durch die Hitze. Ich giesse ihn dafür umso sorgfältiger. Ich pflege den Mangel. Das Giessen lässt mich glauben, ich tue etwas für ihn.
Umtopfen wäre die Lösung. Giessen ist die Ausweichung. Das eine verändert die Verhältnisse, in denen der Baum lebt. Das andere macht den Mangel erträglich, damit ich ihn nicht beheben muss.
Sobald ich Zeit habe. Diesen Satz kenne ich gut. Der richtige Moment kommt nie, weil kein Moment je ganz passt. Und solange ich auf ihn warte, bleibt der Topf zu klein.
Erst die guten Bedingungen, dann die Leistung
Denselben Handel sehe ich in Unternehmen, eine Nummer grösser. Erst die Wertschätzung. Erst das richtige Tool, der richtige Chef, die korrekte Information. Erst die Klarheit. Erst das Eingehen auf jedes Anliegen. Dann, vielleicht, die Leistung. So verschiebt sich eine Leistungskultur immer weiter nach hinten, weil die Bedingung davor nie ganz erfüllt ist.
Ein Beispiel aus der Praxis. Eine Mitarbeiterin hat ein ernstes Anliegen. Eine physische Sitzung im Büro eines Kunden, mitten im Hochsommer. Bei Überhitzung bekommt sie Kreislaufprobleme und Migräne. Bei laufender Klimaanlage entzünden sich ihre Augen. Beides kostet sie ganze Arbeitstage. Ihre Leistungsbereitschaft ist da, verschwendet an den Bedingungen. Sie hat um ein kühleres Sitzungszimmer gebeten.
Ich habe abgelehnt.
Warum ich den kühleren Raum verweigert habe
Das klingt hart, und ich meine es genau so. Eine Gruppe kann ihre Arbeitsfähigkeit erst gestalten, wenn sie ihre Arbeitsunfähigkeit erkennt. Kühlere Räume, Homeoffice, Abwesenheit verschieben diese Erkenntnis ins Unsichtbare. Und sie zerlegen die Beständigkeit, die eine Entscheidungskultur braucht. Es ist immer jemand abwesend. Es ist immer für jemanden eine Zumutung.
Ich werde mittendrin sitzen, in derselben Hitze wie alle. Und ich habe etwas anderes vorgeschlagen. Wir starten um sieben und sind am Mittag fertig, bevor es kippt. Der Takt passt sich der Hitze an, für alle.
Auch das ist eine Zumutung. Früher aufstehen fällt den wenigsten leicht. Ob die Gruppe sie annimmt, ist noch offen. Die Sitzung steht bevor.
Die naheliegende Deutung nennt das Warten Vorsicht. Erst die guten Bedingungen, dann die Arbeit. Erst der kühle Raum, dann die Entscheidung. So leiht sich das Ausweichen den Anschein der Vernunft.
Was Aristoteles über Gewohnheit wusste
Aristoteles beschreibt in der Nikomachischen Ethik das Gegenteil. Charakter entsteht durch Gewöhnung. Gerecht wird ein Mensch, indem er gerecht handelt. Tapfer, indem er tapfer handelt. Wir werden, was wir wiederholt tun.
Übertragen auf eine Gruppe heisst das: Sie wird arbeitsfähig, indem sie unter realen Bedingungen arbeitet und sich ihnen nicht entzieht. Kein Seminar schafft diese Fähigkeit vorab. Sie entsteht im Tun.
Das ist die Umdrehung. Perfekte Rahmenbedingungen gibt es nirgends. Man kann nur wählen, welche Zumutung man trägt. Die der Hitze, in der nichts gelingt. Oder die des frühen Morgens, aus dem ein arbeitsfähiger Tag wird.
Wer auf die Bedingung wartet, die niemandem etwas abverlangt, wartet auf nichts.
Das Ausweichen fühlt sich an wie Sorgfalt
So vergehen Sommer im Wenn-dann. Das Heikle daran: Das Ausweichen fühlt sich an wie Sorgfalt. Ich giesse, also kümmere ich mich. Die Führung gewährt Homeoffice, also ist sie menschlich. Aktivität, die wie Fürsorge aussieht. Fake Work. Jeder meint es gut, und der Baum wirft seine Blätter ab, bevor sie sich färben.
Eine Leistungskultur schafft die Bedingungen
Was eine Leistungskultur anders macht, beginnt mit einer Wahl. Sie wartet nicht auf gute Bedingungen. Sie schafft sie. Eine Führungskultur, die das aushält, verlangt die Zumutung nicht von Einzelnen, sondern trägt sie mit allen gemeinsam. Sie nimmt die Zumutung auf sich, weil sie sieht, dass der Einsatz sich lohnt. Aus dieser Bereitschaft entsteht ein Zustand, mit dem man rechnen kann. Bessere Verhältnisse stehen am Ende, gebaut aus dieser Bereitschaft.
Die Bedingungen zu erarbeiten, ist nicht die Vorstufe der Leistung. Es ist bereits Leistung.
Das Unbequeme kenne ich selbst. Auf der Terrasse eines Kunden bleibe ich in der Hitze und baue. Auf meiner eigenen giesse ich und warte.
Den Topf hole ich am Samstag. Aus „sobald ich Zeit habe" wird nie ein Datum. Aus einem Datum wird ein Topf.
Dann hat der Ahorn Wurzelraum für den Sommer. Und im Herbst zeigt er, wozu er die ganze Zeit fähig war. Rote Blätter, in voller Pracht, weil die Verhältnisse standen, bevor die Hitze kam.
Häufige Fragen
Muss ich für eine Leistungskultur nicht zuerst gute Arbeitsbedingungen schaffen?
Bedingungen zählen. Aber auf die perfekte Bedingung zu warten, ist Ausweichen. Voraussetzungen und ihre gezielte Gestaltung bedingen sich: Eine Gruppe arbeitet unter realen Bedingungen, verbessert sie Schritt für Schritt und zieht die Beständigkeit in ihre Strukturen ein. Bessere Verhältnisse sind so das Ergebnis der Arbeit an ihnen. Und diese Arbeit an den Bedingungen ist selbst schon Leistung.
Ist es nicht unmenschlich, das Anliegen einer Mitarbeiterin abzulehnen?
Abgelehnt habe ich das Ausweichen. Die Mitarbeiterin nehme ich ernst, ihr Anliegen auch. Der kühle Raum verschiebt die Zumutung auf die Abwesenden und zerlegt den gemeinsamen Takt. Der frühe Start verteilt sie auf alle. Menschlich ist, die Bedingungen gemeinsam gestaltbar zu machen, statt sie einzeln unsichtbar zu machen.
Wie fängt man an, wenn der richtige Moment nie kommt?
Man macht aus „sobald ich Zeit habe" ein Datum. Der richtige Moment ist eine Fiktion, weil kein Moment je ganz passt. Verankern Sie die Entscheidung im Takt Ihrer Zusammenarbeit, dann trägt die Struktur, was der gute Wille allein nicht trägt.
Wenn Sie den Topf kennen, der zu klein bleibt, weil der richtige Moment nie kommt, liegt dort eine Entscheidung. Aus der Einsicht wird Wirkung, sobald sie an der Struktur festgemacht wird. Das ist meine Arbeit: an den Verhältnissen, die das Verhalten erzeugen, minimalinvasiv, in wenigen Beratungsstunden. So lässt sich die Unternehmenskultur verbessern, ohne auf den perfekten Moment zu warten.
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Klarheit durch Entscheidungen. Verantwortung, die landet. Kultur, die Lust auf Leistung schafft.
Kulturbooster, Manuela Broz
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In der Raketenwissenschaft ist ein Booster ein Hilfstriebwerk, das der Startrakete den nötigen Schub verleiht. Ein Kulturbooster ist ein Verstärker, der das Potential von Unternehmen und Individuen zum Abheben bringt.
Zur Autorin:
Manuela Broz ist Kulturboosterin. Sie setzt an der Struktur an, denn dort entsteht Kultur und dort verändert sie sich. Sie arbeitet an Entscheidungslogik, Verantwortung und Routinen, minimalinvasiv, oft in wenigen Beratungsstunden. Ihr 90-Tage-Programm macht das Betriebssystem einer Organisation wieder leistungsfähig: mehr Fokus, klare Verantwortung, eine Kultur, die Lust auf Leistung schafft. Konsequenz mit Klarheit. Herz mit Wirkung.
Quellen
Aristoteles: Nikomachische Ethik, Buch II (Über die Tugend als Ergebnis der Gewöhnung), ca. 350 v. Chr.