
Eigenverantwortung fördern: warum der Hebel bei Ihnen liegt, nicht beim Verwaltungsrat
Ein Geschäftsführer sitzt mir gegenüber. Verzweifelt. Sein Verwaltungsrat mischt sich ständig ins Operative ein. Seine Frage: Wie bringe ich meinen Verwaltungsrat dazu, sich rauszuhalten?
Meine Frage zurück: Wie informieren Sie Ihren Verwaltungsrat? Seine Antwort: Supertransparent. Bis ins letzte Detail.
Genau hier beginnt die unbequemste Einsicht der Führung. Eigenverantwortung fördern beginnt bei Ihnen selbst: den eigenen Anteil an der Dynamik sehen, bevor Sie auf den anderen zeigen.
Die Tugend, die zur Falle wird
Transparenz ist eine Tugend. Bei diesem Geschäftsführer war sie überdehnt. Wer seinen Verwaltungsrat mit operativen Details versorgt, lädt ihn ein, operativ mitzureden. Die Einmischung ist keine Frechheit des Gremiums. Sie ist die Folge der Transparenz.
Bleibt eine Frage: Warum tut jemand das? Die Antwort liegt nicht in der Führungstechnik. Sie liegt tiefer.
Der Schatten, den wir mit uns tragen
C.G. Jung nannte die Teile der Persönlichkeit, die einmal zu riskant waren, den Schatten. Wir spalten sie ab, um sicher zu sein. Sie verschwinden aus dem Bewusstsein. Und sie wirken trotzdem weiter, unterhalb der Schwelle.
So lautete das unbewusste Urteil dieses Geschäftsführers: Wenn ich mich transparent zeige, bin ich vertrauenswürdig. Wenn ich vertrauenswürdig bin, werde ich wertgeschätzt. Wenn ich wertgeschätzt werde, bin ich sicher. Transparenz war für ihn kein Führungsinstrument. Sie war ein Schutzschild.
Sie hatte eine zweite Funktion. Wer dem Verwaltungsrat jedes operative Detail meldet, teilt auch die Verantwortung. Implizit. Unausgesprochen. Aber wirksam.
So kehrt das abgespaltene Bedürfnis nach Sicherheit zurück. Als Verhalten. Als Muster. Als Dynamik, die genau das erzeugt, was er am meisten fürchtet: Kontrollverlust.
Eigenverantwortung fördern heisst: selbst Ursache sein
Solange der Verwaltungsrat das Problem ist, bleibt nur Ohnmacht. In dem Moment, in dem klar wird, dass das eigene Verhalten die Dynamik erzeugt, liegt der Hebel in der eigenen Hand.
Das ist der Schock. Und der Wendepunkt. Wer die Ursache erkennt, gewinnt die Macht zurück. Nicht die Kontrolle über andere. Die Verantwortung für sich selbst. Das ist Selbstführung im eigentlichen Sinn.
Wer die Ursache ist, hat die Macht.
Struktur macht die Einsicht haltbar
Einsicht allein verpufft. Sie muss an der Struktur festgemacht werden. Die Lösung war darum strukturell: Nur noch grobe Ziele und strategische Meldungen gingen an den Verwaltungsrat. Die Details blieben dort, wo sie hingehören, in der operativen Führung.
Die neue Informationsarchitektur machte operative Einmischung unwahrscheinlich. Mikromanagement wich strategischer Ausrichtung. Wer den Informationsfluss ändert, arbeitet an der Entscheidungskultur, denn dort entscheidet sich, wer worüber mitredet.
Verantwortung im eigentlichen Sinn bedeutet: den eigenen Einflussbereich erkennen und die Kraft, die darin liegt, für etwas Neues nutzen.
Was das für Ihre Führung heisst
Der grösste Hebel liegt selten beim anderen. Er liegt in der Frage, die wehtut: Was in meinem Unternehmen habe ich selbst erzeugt, ohne es zu merken?
Wer diese Frage aushält, geht einen Schritt weiter. Denn nicht nur das eigene Verhalten erzeugt Dynamiken. Auch der Blick, mit dem wir auf Mitarbeitende schauen, formt, was zurückkommt.
Häufige Fragen
Heisst „selbst Ursache sein“, dass die Führungskraft an allem schuld ist? Nein. Schuld ist die falsche Kategorie. Diagnose ist keine Anklage. Die Frage lautet, wo Ihr Einflussbereich liegt. Ein Muster wiederholt sich, weil eine Struktur es erzeugt. Wer diese Struktur gestaltet, hält den Hebel in der Hand.
Wie erkenne ich, welche Dynamik ich selbst erzeuge? Achten Sie auf das Muster, das immer wiederkehrt. Fragen Sie, wozu Ihr Verhalten die anderen einlädt. Im Beispiel lud die Transparenz zur Einmischung ein. Das wiederkehrende Muster ist das Signal. Danach verändern Sie die Struktur dahinter, etwa den Informationsfluss oder die Zuständigkeit.
Reicht Selbsterkenntnis, um etwas zu verändern? Nein. Einsicht allein verpufft. Sie hält nur, wenn sie an der Struktur festgemacht wird. Erst wenn sich die Verhältnisse ändern, etwa wer welche Information bekommt, ändert sich das Verhalten verlässlich.
Wenn die Frage nach dem eigenen Anteil bei Ihnen etwas ausgelöst hat, liegt dort eine Entscheidung. Aus der Einsicht wird Wirkung, sobald sie an der Struktur festgemacht wird. Das ist meine Arbeit: an den Verhältnissen, die das Verhalten erzeugen, minimalinvasiv, in wenigen Beratungsstunden.
Wenn bei Ihnen eine Entscheidung ansteht, buchen Sie ein Gespräch von 30 Minuten: Gespräch buchen.
Klarheit durch Entscheidungen. Verantwortung, die landet. Kultur, die Lust auf Leistung schafft.
Kulturbooster, Manuela Broz
Wenn Sie keine Beiträge verpassen wollen, melden Sie sich zum Newsletter an.
In der Raketenwissenschaft ist ein Booster ein Hilfstriebwerk, das der Startrakete den nötigen Schub verleiht. Ein Kulturbooster ist ein Verstärker, der das Potential von Unternehmen und Individuen zum Abheben bringt.
Zur Autorin:
Manuela Broz ist Kulturboosterin. Sie setzt an der Struktur an, denn dort entsteht Kultur und dort verändert sie sich. Sie arbeitet an Entscheidungslogik, Verantwortung und Routinen, minimalinvasiv, oft in wenigen Beratungsstunden. Ihr 90-Tage-Programm macht das Betriebssystem einer Organisation wieder leistungsfähig: mehr Fokus, klare Verantwortung, eine Kultur, die Lust auf Leistung schafft. Konsequenz mit Klarheit. Herz mit Wirkung.
Quellen
C.G. Jung: Aion. Beiträge zur Symbolik des Selbst. Rascher, Zürich 1951 (Kapitel „Der Schatten“).