Harmoniefalle: warum ein CEO, der gemocht werden will, aufhört zu führen

Harmoniefalle: warum ein CEO, der gemocht werden will, aufhört zu führen

Wenn Konsens die Führung ersetzt

Er war das beste Mitglied der Geschäftsleitung. Konstruktiv kritisch, klar in der Sache, unbequem, wenn es nötig war. Zwei Jahre lang sprach er an, was andere lieber überhört hätten. Dann wurde er CEO. Und alles veränderte sich. Was hier begann, hat einen Namen: Konfliktscheu in der Führung. Sie ist der teuerste Reflex, den kaum jemand benennt.

Plötzlich legte er sich nicht mehr fest. Er suchte Konsens, wo eine Entscheidung nötig war. Er holte noch eine Meinung ein, und noch eine. Er verzögerte, verwässerte, wich aus. Dieselbe Person. Dieselbe Kompetenz. Ein anderes Verhalten.

Was war passiert? Er wollte gemocht werden.

Das Dilemma der Rolle

Als Geschäftsleitungsmitglied war er Teil eines Wir. Er konnte unbequem sein, weil seine Zugehörigkeit gesichert war. Als CEO steht er allein. Die Rollenarchitektur entzieht ihm das Wir. Gleichzeitig trägt er plötzlich Verantwortung für den Zusammenhalt des Gremiums, das er gerade verlassen hat.

Das erzeugt ein echtes Dilemma. Er will, dass jedes Mitglied der Geschäftsleitung seinen Beitrag als wesentlich erlebt. Er will kein Gefälle erzeugen. Also sucht er Konsens. Also holt er Meinungen ein. Also legt er sich nicht fest.

Was er nicht sieht: Seine neue Rolle verändert nicht nur seine Aufgaben. Sie verändert, wie jedes seiner Worte wahrgenommen wird. Ein Vorschlag von ihm wird nicht mehr diskutiert. Er wird interpretiert. Ein Satz wird nicht mehr gehört. Er wird gewichtet.

Autorität entsteht in dieser Rolle nicht durch Wissen. Sie entsteht durch Klarheit. Genau diese Klarheit opfert er, wenn er Harmonie über Richtung stellt.

Die Harmoniefalle: künstliche Ruhe statt echter Einigung

Der Managementautor Patrick Lencioni hat 2002 beschrieben, wie Teams an der Angst vor Konflikten scheitern. Sein Begriff dafür ist die künstliche Harmonie. Ein Team, das den Streit meidet, wirkt an der Oberfläche einig. Darunter bleibt alles ungeklärt. Die Einigkeit ist gespielt. Die Konflikte verschwinden nicht. Sie wandern in die Gänge, in die Zweiergespräche, in das, was nach dem Meeting gesagt wird.

Genau das geschah hier. Wer das Gremium durch Konsens zusammenhalten will, erzeugt durch Unklarheit die Instabilität, die er verhindern wollte. Die Mitglieder der Geschäftsleitung füllen die Lücke mit eigenen Interpretationen. Jeder zieht in eine andere Richtung. Das Gremium fragmentiert, weil niemand mehr weiss, wo die Mitte ist.

Wenn Klarheit fehlt, entsteht informelle Macht

Die Folgen kamen nicht über Nacht. Sie sickerten ein, leise und zermürbend. Niemand wusste mehr, was galt. Ohne Rahmen interpretiert jeder für sich, was zählt. Die Unsicherheit frass sich durch die Organisation.

Dann entstand, was in solchen Situationen immer entsteht: informelle Macht. Wer am nächsten beim CEO sass, konnte ihn für seine Sache gewinnen. Es zählte nicht mehr, was für die Organisation oder die Kunden richtig war. Es zählte, wer den besseren Zugang hatte. Harmonie an der Spitze wird so zur Machtfrage an der Basis.

Wenn die besten Mitarbeitenden gehen

Die Leistungsträger spürten es zuerst. Nicht alle konnten benennen, was fehlte. Aber sie fühlten: Hier stimmt etwas Grundsätzliches nicht mehr. Die Besten gingen.

Das ist Kulturzersetzung. Der Geschäftsführer zweifelt an sich. Die Mitarbeitenden zweifeln an der Organisation. Und die Besten gehen zuerst, weil sie die Wahl haben.

Konfliktscheu in der Führung ist kein Charakterzug

Hier lohnt der Blick des Sozialpsychologen James Meindl. Er prägte 1985 den Begriff der Romance of Leadership: die Neigung, Erfolg und Misserfolg einer Organisation überproportional der Führungsperson zuzuschreiben. Wir romantisieren Führung. Läuft es gut, war es der Chef. Läuft es schlecht, war es sein Charakter.

Dieser Reflex führt in die Irre. Der Mensch CEO hatte sich nicht verändert. Seine Rolle hatte ein anderes Verhalten erzeugt. Die Konfliktscheu war die logische Reaktion auf einen Rahmen, der Klarheit nicht einforderte. Wer nur auf den Charakter schaut, übersieht die Struktur, die das Verhalten erzeugt.

Wer schweigt, um die Stimmung zu halten, hält nicht die Stimmung. Er hält den Stillstand.

Der Wendepunkt

Dieser CEO kam zu mir, als die Abwanderung nicht mehr zu ignorieren war. Er erkannte: Seine Unschärfe war die Folge eines Rahmens, der Klarheit weder einforderte noch ermöglichte.

Die Antwort war strukturell. Ein klarer Entscheidungsrhythmus, monatlich getaktet. Gefässe mit neuen Ritualen, die Verbindlichkeit schufen. Eine Entscheidungskultur, die festlegt, wer was bis wann entscheidet. Der Rahmen nahm ihm die Last, jeden mögen zu müssen. Er musste nicht mehr gemocht werden. Er musste nur noch klar sein.

Häufig begegnen mir Kulturprobleme, die keine sind. Dahinter steckt ein Strukturproblem, das niemand benennt.

Das ist der Kern meiner Arbeit. Ich behandle keine Symptome. Ich gehe an die Verhältnisse, die sie erzeugen. Wer die Verhältnisse verändert, verändert das Verhalten.

Harmonie ist ein Ergebnis, keine Methode

Harmonie lässt sich nicht herbeischweigen. Sie ist das Ergebnis von Klarheit. Ein CEO muss nicht gemocht werden. Er muss klar sein. Wer die Klarheit meidet, um die Stimmung zu retten, verliert am Ende beides. Denn die Besten bleiben nicht für die Harmonie. Sie bleiben für die Richtung.

Häufige Fragen

Ist Konfliktscheu in der Führung ein Charakterproblem?

Selten. Meist ist sie die logische Reaktion auf einen Rahmen, der Klarheit nicht einfordert. Dieselbe Person führt klar, sobald die Entscheidungsarchitektur festlegt, wer was bis wann entscheidet. Wer nur an der Haltung arbeitet, behandelt ein Symptom. Wer die Struktur ändert, ändert das Verhalten.

Wie entsteht informelle Macht in einem Unternehmen?

Sie entsteht dort, wo formale Klarheit fehlt. Wenn niemand weiss, wie entschieden wird, entscheidet die Nähe zur Spitze. Der Zugang ersetzt das Kriterium. Die Antwort liegt in transparenten Entscheidungswegen, die den Zugang als Machtquelle überflüssig machen.

Lassen sich Harmonie und Klarheit verbinden?

Ja, aber nicht in dieser Reihenfolge. Echte Harmonie folgt aus Klarheit. Sie entsteht, wenn Menschen wissen, woran sie sind, wer entscheidet und warum. Gespielte Harmonie ohne Klarheit hält nur, bis die erste schwierige Entscheidung ansteht.


Wenn Sie beim Lesen an ein Meeting gedacht haben, in dem Sie geschwiegen haben, um die Stimmung zu halten, liegt dort eine Entscheidung. Aus der Einsicht wird Wirkung, sobald sie an der Struktur festgemacht wird. Das ist meine Arbeit: an den Verhältnissen, die das Verhalten erzeugen, minimalinvasiv, in wenigen Beratungsstunden.

Wenn bei Ihnen eine Entscheidung ansteht, buchen Sie ein Gespräch von 30 Minuten: Gespräch buchen.

Klarheit durch Entscheidungen. Verantwortung, die landet. Kultur, die Lust auf Leistung schafft.

Kulturbooster, Manuela Broz

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In der Raketenwissenschaft ist ein Booster ein Hilfstriebwerk, das der Startrakete den nötigen Schub verleiht. Ein Kulturbooster ist ein Verstärker, der das Potential von Unternehmen und Individuen zum Abheben bringt.

Zur Autorin:

Manuela Broz ist Kulturboosterin. Sie setzt an der Struktur an, denn dort entsteht Kultur und dort verändert sie sich. Sie arbeitet an Entscheidungslogik, Verantwortung und Routinen, minimalinvasiv, oft in wenigen Beratungsstunden. Ihr 90-Tage-Programm macht das Betriebssystem einer Organisation wieder leistungsfähig: mehr Fokus, klare Verantwortung, eine Kultur, die Lust auf Leistung schafft. Konsequenz mit Klarheit. Herz mit Wirkung.

Quellen

Lencioni, Patrick (2002): The Five Dysfunctions of a Team. Jossey-Bass, San Francisco. Zur künstlichen Harmonie und zur Angst vor Konflikten.

Meindl, James R.; Ehrlich, Sanford B.; Dukerich, Janet M. (1985): The Romance of Leadership. Administrative Science Quarterly, 30(1), 78 bis 102. Zur Überzuschreibung von Erfolg und Misserfolg an die Führungsperson.